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Russland, ein Reisebericht. Teil 2

"Es wird ein Abenteuer, es wird richtig abenteuerlich!" (Charlie, the unicorn)

Tag 1:
Rechtwinklig angelegte Straßen und Fahrer, denen der Gegenverkehr keinen Grund liefert, nicht zu überholen: Das sind die ersten Eindrücke, die Russland noch von der Luft aus betrachtet auf mich macht. Kaum am Boden von Domodedovo angekommen folgt eine Lektion in echter Ostblock-Gründlichkeit: "Sehr verehrte Damen und Herren, ich bitte Sie, noch auf Ihren Plätzen zu bleiben, da die russischen Behörden aufgrund der Schweinegrippegefahr noch an Bord eine medizinische Untersuchung durchführen möchten, Wir bitten um Ihr Verständnis", erklärt uns der freundliche Flugkapitän, und da sich die finster dreinblickende Untersuchungsdame auch auf eine Laserkanone zum Fiebermessen beschränkt und die Utensilien zu rektalen Alienexperimenten im Koffer lässt, bekommt er auch das, worum er gebeten.
Nachdem wir internationales Territorium verlassen haben erklärt uns die Reiseführerin auf russischer Seite, dass man momentan aufgrund von Wartungsarbeiten leider kein warmes Wasser in "unserer" Stadt zur Verfügung hat. Dies sei zwar fast jedes Jahr so gewesen wenn die deutsche Gruppe zu Besuch war, wir sollten das aber nicht als Angriff werten. Dafür hat man 1A Wetter und einen klasse Stau vorbereitet.

Das Auto ist das liebste Kind der Deutschen, sagt man, für die Russen ist es Statussymbol. Obwohl man eine gut funktionierende Wackelmetro hat, die einen in Windeseile von A nach B bringt, werden fleißig weiter Autos gekauft, denn, wie uns unsere Übersetzerin erklärt: "Wer Metro fährt, hat wohl nichts erreicht in seinem Leben".
Und so sieht man nebeneinander den großräumigen Gelandewagen von Toyota, das tiefergelegte Sportgeschoss aus dem Hause Porsche und die Schüssel einer russischen Marke, deren Emblem in einer antiken Schrift geschrieben ist, die nur noch ein einziger taubstummer Greis aus dem südlichen Ural entziffern kann (wäre es nicht Zentimeterdick mit Staub bedeckt), in sozialistischer Einheit - und Stillstand. Gemeinsam erfreut man sich an den wie Spielzeugautos klingenden Sirenen der Polizei, die verzweifelt versucht, ganz links noch eine vierte Spur als Rettungsgasse aufzumachen. Man sollte in einem Land, in dem selbst der Opa scheinbar am liebsten Trance hört, seine Martinshörner vielleicht etwas weniger ansprechend klingen lassen...

Nach gefühlten fünf Stunden und 150 m Wegstrecke lerne ich dann meine Gastfamilie kennen. Dass die Schwester des Englischen nicht gar so mächtig ist habe ich bereits an ihren Mails erkennen können. Sie spricht es etwa so flüssig wie ich lateinisch, ist damit aber bedeutend besser als ihre Mutter, deren Englischkenntnisse mit meinen Russischkünsten durchaus vergleichbar sind. Die Oma hat einmal Deutsch gelernt, kann einigermaßen lesen und erkennt einzelne Wörter wieder, der Opa ist recht geschockt, dass ich kein russisch spreche. Er versucht es dennoch, mit mir ein nettes Gespräch anzufangen, sodass ich den Satz "Nje Ponymajo" (ich verstehe nicht) in Rekordzeit auswendig lerne.
Angesprochen werde ich von Großeltern und Mutter (sie lebt in Scheidung) grundsätzlich auf russisch, wobei letztere irgendwann einmal soweit mitdenkt, ans Ende ihrer Ausführungen stets ein "nje ponymasch" zu setzen. Ich finde das fair. Der Opa dagegen zuckt nur hilflos mit den Schultern, wenn ich einfach nicht auf seine Versuche, ein tolles Gespräch anzufangen, einsteige.
Eine Episode wird mir hier im Gedächtnis bleiben: Man fragt mich, ob ich ein "Nokia" dabei habe. Ich zeige stolz mein Siemenshandy und ernte Enttäuschung. Irgendwann dämmert es mir dann, dass es sich hierbei weniger um ein besonders inniges Verhältnis zu den Finnen handelt, sondern man schlicht kein Akkuladegerät für mich vor Ort hat. Als mitdenkender Reisender kann ich natürlich auch dieses aus meinem Koffer vorweisen.
Die gutmeinende Omi versucht nun, mich dazu zu bringen, mein Telefon aufzuladen. Ich finde das recht nett, aber aufgrund des vollen Akkus relativ unnötig. Interessiert meine Oma aber nicht. Ich zeige auf die Akkuanzeige. Versteht meine Oma aber nicht. Ich male ein Bild eines leeren, eines aufladenden und eines vollen Akkus und deute an, mich momentan im dritten Zustand zu befinden. Erkennt meine Oma aber nicht. Ich zeige auf den "Ich will nicht mehr essen"-Satz unseres Phrasenblattes und ersetze das "Ich" durch "Telefon". Kapiert meine Oma aber nicht.
Die Gastschwester kommt schliesslich auf die Idee, ihre englischsprachige Freundin anzurufen. Ich erkläre dieser das Problem. Sie übersetzt es auf russisch und nur wenige Sekunden später werde ich Zeuge des schallenden Familiengelächters.
Ebenso wird mir wohl noch ewig anhaften, dass ich auf die "Kushit"-Bitte, kombiniert mit einer schaufelnden Handbewegung vor dem Mund, irgendwann anfing, meine Zähne zu putzen und erst danach feststellte, dass der Tisch reichlich gedeckt war und es der Familie wohl weniger um die stinkenden Zähne als um den knurrenden Magen ging.

Beim abendlchen Ausflug nach Moskau wird mir dann auch noch das Glück zuteil, einigen Damen mit grob geschätzten 1,4 Promille dabei zuzusehen, wie sie in ihren Stöckelschuhen über das Pflaster zu kommen versuchen. Russland ist schon schön.
9.8.09 21:03
 
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