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Vom bösen Türken Acab

Ein Krieg tobt in der westlichen Welt. Ein Krieg um die vierte Macht im Staate, die Medien. Etablierte Blätter und Sender sehen sich auf einmal in Konkurrenz zu Twitter, Blogs und Facebook, wo kostenfrei und blitzschnell alle erdenklichen Informationen ausgetauscht werden. Das "Web 2.0" hat angeblich ja auch die Proteste im Iran, Tunesien, Ägypten und Lybien erst möglich gemacht - kein Wunder, dass sich da manche Regionalzeitung bedroht fühlt.

Beruhigend zu wissen bleibt dabei eines: Vor Bloggern wie mir braucht niemand Angst zu haben. Wenn ich über zeitkritische Themen schreibe, dann in aller Regel mit etwa einer Woche Verspätung, sehr viel mehr als eine Meinung anzubieten habe ich nicht, meine Informationen stammen im Grunde alle von den "etablierten" Medien - die Gelegenheiten, bei denen ich mich tatsächlich als Reporter im Feld versuchte, kann man getrost an einer Hand abzählen und muss dafür wohl nichtmal alle Finger verwenden.
Daher rührt dann auch eine deutlich unterschiedliche Honorierung: Während die Profis von ihrer Kunst eine Familie ernähren, bekomme ich bestenfalls alle paar Monate einen lobenden Kommentar. Das ist in Ordnung. Ich kann immerhin andere Dinge ganz gut. Laut meiner ehemaligen Chorleiterin singe ich beispielsweise recht hübsch.

Der Anspruch ist eben ein völlig anderer, auch, was die Verlässlichkeit angeht: Informationen werden über Twitter und Facebook weitergepostet, ohne deren Herkunft zu prüfen. Seit nunmehr über zehn Jahren ist die Geschichte von den japanischen Bonsaikätzchen nicht totzukriegen, obwohl schon früh klar wurde, dass sich da jemand einen Scherz erlaubt hat. Genüsslich werden solche Kuriositäten von jenen auseinandergenommen, die ihren Job durch uns Geschichtenerzähler gefährdet sehen.

Umso peinlicher, wenn auch einem professionellen Journalisten mal ein Schnitzer passiert. Guttenberg bekam in seinem Wikipedia-Artikel den Vornamen "Wilhelm" in die Liste geschmuggelt - und als wollten sie den gegenwärtigen Skandal ankündigen schrieben es die Redakteure lammfromm ab.
Derzeit ist es ein Fauxpas der Nürnberger Zeitung , der für Furore sorgt: Magnus Zawodsky schrieb einen wohlwollenden Artikel über Graffiti als Kunstform, wollte sich jedoch gleich klar von den "ich war hier"-Schmierfinken abgrenzen. Die schreiben meist nur ihren Namen an die Wand, bekanntestes Beispiel dafür sei "ACAB", bekanntlich das türkische Pendant zu "Michael"

Der Vorwurf an die Sprayer, mit ihrem Verhalten die negativen Vorurteile gegen Ausländer auch noch zu bestätigen, ging dann natürlich extrem nach hinten los. Der Autor wurde schnell lächerlich gemacht, als Rassist bezeichnet und sein Rauswurf bei der Redaktion gefordert.

Sicherlich eine Überreaktion, die auch auf die Anonymität im Netz zurückzufüren ist. Wo nichts gearbeitet wird entstehen bekanntlich keine Fehler. Beängstigend ist dann aber die "Entschuldigung " des Autors:
Alles halb so wild, die Erklärung mit dem türkischen Vornamen habe er von einer Lehrerin, das klang alles so plausibel, da müsse man doch nicht weiter recherchieren. Außerdem, so im Hinblick auf die "Let me google that for you"-Hinweise, sei eine Recherche nur auf Wikipedia ja auch keine Recherche, da widersprechen sich die Protestler ja irgendwie selbst...

Doch so einfach ist es nicht. Die geringere Geschwindigkeit der Printmedien ist ihr großer Trumpf. Niemand erwartet von einer Zeitung im Kiosk, dass sie die Nachrichten der letzten fünf Minuten beinhalten. Darum haben sie, bevor gedruckt wird, die Zeit zu recherchieren und zu prüfen. Einen Namen bei wikipedia abzuschreiben ist dabei legitim, doch wer eine ganze Seite über Grafitti zum Besten gibt, erweckt nunmal den Eindruck, sich in der Geschichte etwas besser auszukennen als der Lieschen Müller vom Straßenstrich.

Wir brauchen Journalisten, die sich die Geschichten mit kritischen Ohren anhören, bevor sie sie aufschreiben. Wir brauchen Journalisten, die nachfragen, die auch der Gegenseite zuhören, wenn es auch das schöne einseitige Bild versaut. Unvergessen sind mir die unzähligen Artikel eines fränkischen Blattes, die den armen Bürger mitleiderregend als Opfer sinnloser behördlicher Regelungen zeichneten - ohne ein einziges mal den Grund für die Gesetze nachzuschlagen.
Wir brauchen Journalisten, die bemerken, wenn sie für einseitige Berichterstattung missbraucht werden sollen - und die dann nachhaken. Die Zeitung sollen nicht das Forum sein, in dem einzelne Parteien in einem Streit ihre Meinung weiter verbreiten können - zumindest nicht außerhalb der Kommentarseiten und unter dem Deckmantel neutraler Berichterstattung.

Es ist sinnlos, von Beschlüssen wie der Einführung von E10 erst dann zu berichten, wenn das Zeug bereits das normale Super verdrängt hat. Es ist beschämend, wenn die Zeitungslandschaft über die Abschaffung der Wehrpflicht jubelt und sich hintendrein wundert, warum man plötzlich Kreiswehrersatzämter und Kasernen dichtmacht. Anstatt sich gleichschalten zu lassen, sollten es eigentlich Reporter sein, die den Lebenslauf eines hochgelobten Ministers genauer unter die Lupe nehmen - und nicht nur über seine tollen Umfragewerte berichten.

Die professionellen Medien werden von uns Bloggern sicher nicht in die Knie gezwungen - es sei denn, sie lassen sich auf unser Niveau herab.
12.3.11 14:22
 
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